Definition und Einordnung
Als Dünnglas bezeichnet die Flachglasindustrie alle Glaserzeugnisse mit einer Nenndicke von weniger als 3 mm. Die Grenze ist normativ festgelegt und unterscheidet Dünnglas vom konventionellen Floatglas, das im Fensterbau typischerweise in Dicken von 4, 5 oder 6 mm eingesetzt wird.
Im Kontext der Isolierverglasung ist Dünnglas fast ausschließlich als Mittelscheibe in 3-fach Isolierglas-Einheiten (IGU) relevant. Die Außen- und Innenscheibe bleiben dabei in der Regel bei 4 mm Floatglas oder ESG — sie müssen Windlast, Einbruchschutz und Wärmeausdehnung aufnehmen. Die Mittelscheibe hingegen ist von diesen mechanischen Anforderungen weitgehend entlastet und eignet sich daher ideal für extrem dünne Ausführungen.
Dünnglas macht 3-fach ISO so leicht wie 2-fach ISO — bei gleicher oder besserer Wärmedämmung. Der Schlüssel: Die Mittelscheibe trägt thermisch viel bei, mechanisch kaum.
Herstellungsverfahren
Die Produktion von Dünnglas ist technisch anspruchsvoller als Standard-Floatglas, weil die geringen Wandstärken besondere Anforderungen an Handhabung, Kantenbearbeitung und Vorspannung stellen. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Verfahren:
Thermisches Vorspannen (bis ca. 1,5 mm)
Konventionelles Dünnglas (1–3 mm) wird in Hochkonvektionsöfen verarbeitet. Durch besonders schnelle und gleichmäßige Luftkühlung nach dem Erhitzen entsteht ein Druckeigenspannungsprofil, das die Bruchfestigkeit gegenüber unbehandeltem Glas deutlich erhöht. Das Ergebnis sind:
- ESG (Einscheibensicherheitsglas) ab ca. 2 mm Dicke — zertifiziert nach DIN EN 12150
- Thermisch verfestigtes Glas (TVG) bis ca. 1,5 mm — geringere Vorspannungstiefe als ESG, aber weniger Verzug
Chemisches Vorspannen (unter 1 mm)
Gläser unter 1 mm können nicht mehr thermisch vorgespannt werden, weil die Kühlzeit zu kurz ist, um ein ausreichendes Eigenspannungsprofil aufzubauen. Stattdessen kommt das Ionenaustauschverfahren zum Einsatz, das aus der Smartphone- und Displaybranche bekannt ist (z. B. Corning Gorilla Glass):
- Das Glas wird in ein Kaliumsalzbad (ca. 400 °C) getaucht
- Kleine Natriumionen an der Oberfläche werden durch größere Kaliumionen ersetzt
- Die Größendifferenz erzeugt hohe Oberflächendruckspannungen
- Ergebnis: Biegezugfestigkeit bis zu 800 N/mm² — ca. 3× höher als thermisch vorgespanntes ESG
Das aktuell relevanteste Produkt für den Fensterbau ist Corning Advanced Technical Glass (ATG), das in Formaten bis 2200 × 3200 mm verfügbar ist — groß genug für die Isolierglasproduktion.
Aufbau in der 3-fach-Isolierglas-Einheit
Der entscheidende Unterschied zwischen Standard-3-fach-ISO und Dünnglas-3-fach-ISO liegt ausschließlich in der Mittelscheibe. Alle anderen Komponenten — Außen-/Innenscheibe, Warm-Edge-Abstandhalter, Argon-Füllung, Low-E-Beschichtungen — bleiben identisch:
Kennwerte im Vergleich
Die folgende Tabelle stellt die drei wichtigsten Isolierglas-Aufbauten gegenüber. Alle Werte beziehen sich auf Low-E-beschichtetes Glas mit Argon-90%-Füllung und Warm-Edge-Abstandhalter:
| Kennwert | 2-fach ISO 28 | 3-fach ISO 44 (Standard) | 3-fach ISO mit Dünnglas |
|---|---|---|---|
| Aufbau | 4/16/4 mm | 4/14/4/14/4 mm | 4/14/0,5–2/14/4 mm |
| Gesamtdicke | 28 mm | 44 mm | 36–40 mm |
| Gewicht | ~25 kg/m² | ~30 kg/m² | ~22–24 kg/m² |
| Ug-Wert | ~1,1 W/(m²K) | ~0,5 W/(m²K) | ~0,5–0,6 W/(m²K) |
| g-Wert | ~0,62 | ~0,50 | ~0,52–0,55 |
| Lichttransmission | ~82 % | ~70 % | ~71–74 % |
| Schallschutz Rw | ~33 dB | ~36 dB | ~34–36 dB |
| Rahmenbreite nötig | ab 68 mm | ab 80 mm | ab 70–74 mm |
Aktuelle Entwicklungen (2025–2026)
Die Dünnglastechnologie für den Fensterbau befindet sich 2025/2026 an einem technologischen Wendepunkt. Drei Entwicklungen sind besonders relevant:
Corning Advanced Technical Glass (ATG)
Corning, bekannt als Hersteller von Gorilla Glass für Smartphones, hat mit dem ATG-Glas ein chemisch gehärtetes Dünnglas in den Baubereich gebracht. Mit Dicken von 0,5 bis 0,7 mm und Maximalformaten von 2200 × 3200 mm ist es erstmals groß genug für die Isolierglasproduktion im Wohnbau. Die Biegezugfestigkeit übersteigt die von thermisch vorgespanntem Dünnglas erheblich.
TPS-Fertigungslinien für 0,5-mm-Mittelscheiben
Das finnische Unternehmen Glaston präsentierte auf der glasstec 2024 in Düsseldorf eine vollautomatisierte TPS-Linie (Thermo Plastic Spacer), die speziell für das Handling von 0,5-mm-Glas entwickelt wurde. Der TPS-Prozess minimiert mechanische Belastung am Glas während der Randverbundherstellung und reduziert das Bruchrisiko im Produktionsprozess erheblich. Erste Anlagen sind in den USA im Betrieb; die Markteinführung in der DACH-Region ist für 2025/2026 angekündigt.
4-fach Verglasung mit Dünnglas
Glaston hat bereits Verfahren für 4-fach-Isolierglaseinheiten mit zwei Dünnglasscheiben entwickelt. Damit werden Ug-Werte unter 0,3 W/(m²K) erreichbar — bisher dem Vakuumisolierglas vorbehalten — bei einem Gesamtgewicht, das dem heutigen Standard-3-fach-ISO entspricht. Die Marktreife wird für 2027–2028 erwartet.
Die ersten 3-fach-Isoliergläser mit 0,5-mm-Mittelscheibe sind seit Ende 2025 in Pilotprojekten im Einsatz. Eine breitere Markteinführung läuft in Deutschland und Österreich an. Für Standard-Sanierungsprojekte ist Dünnglas mit 1,5–2 mm Mittelscheibe bereits regulär verfügbar.
Anwendungsfelder
Energetische Sanierung
Bestehende Fensterrahmen in gutem Zustand können per Glastausch von 2-fach auf 3-fach-Dämmleistung aufgerüstet werden, ohne die Rahmenkonstruktion zu ändern — da das Dünnglas-Paket kaum dicker als ein 2-fach-Glas ist.
Denkmalschutz
Historische Holz-, Stahl- oder Bleifenster verlangen sehr schmale Falzbreiten. Schlanke Dünnglas-ISO ab 9 mm Gesamtdicke passen in Originalprofile und liefern trotzdem einen Ug von 1,3–1,9 W/(m²K) — statt wie bisher Einscheibe mit 5,8.
Große Schiebetüren
Schwere Hebe-Schiebe-Elemente ab 6 m² leiden oft unter gewichtsbedingten Laufproblemen. Durch Dünnglas-Mittelscheiben sinkt das Gesamtgewicht um 6–8 kg/m², was Beschlag, Führungsschienen und Motorantriebe entlastet.
Passivhaus und Neubau
Im Neubau ermöglicht das geringere Flügelgewicht schlankere Rahmenprofile und reduziert die statische Anforderung an Sturz und Zarge. Architektonisch sind größere Glasflächen mit weniger Rahmensichtmaß möglich.
Technische Besonderheiten und Verarbeitungshinweise
Bruchempfindlichkeit und Handling
Dünnglas — insbesondere unter 1 mm — stellt besondere Anforderungen an Transport, Lagerung und Verarbeitung. Im Gegensatz zu Standardglas neigt es bei punktuellen Belastungen (Kantenstoß, Schraubendruck) schnell zu Rissen. Beim TPS-Verfahren wird deshalb auf Klemmrahmen verzichtet und der Randverbund pneumatisch appliziert.
Kantenbearbeitung
Gesägte Kanten sind bei Dünnglas ein kritischer Schwachpunkt. Für den Einsatz als Mittelscheibe sind geschnittene und entgratete Kanten (keine gesägte Rohkante) Pflicht. Bei chemisch gehärtetem Glas darf die Schleiftiefe einen definierten Wert nicht überschreiten, da sonst die Druckspannungszone durchbrochen wird.
Beschichtungskompatibilität
Gängige Low-E-Beschichtungen (Silber-Magnetron-Sputtern) lassen sich auf Dünnglas in gleicher Qualität aufbringen wie auf Standardglas. Die Schichtposition (Position 3 oder 4 im 3-fach-Aufbau) sowie die Emissivität ε sind identisch mit konventionellen Mittelscheiben.
Druckausgleich im IGU
Da Dünnglas-Mittelscheiben sehr flexibel sind, reagieren sie stärker auf Luftdruckschwankungen und Höhenunterschiede zwischen Produktionsort und Einbauort. Hersteller empfehlen für Höhenunterschiede > 300 m einen Druckausgleich via Kapillarrohr im Randverbund.
Vorteile und Einschränkungen
Vorteile
- Bis zu 25 % weniger Gewicht gegenüber Standard-3-fach-ISO
- Gleiche Dämmleistung wie 4-mm-Mittelscheibe
- Schlankere Gesamtdicke — Rahmentausch oft nicht nötig
- Ideal für Denkmalschutz und enge Falzbreiten
- Geringere Transportkosten und CO₂-Footprint
- Ermöglicht leistungsfähige 4-fach-ISO in Zukunft
- Gleiche Low-E-Beschichtbarkeit wie Standardglas
Einschränkungen
- Höhere Produktionskosten gegenüber Standard-Floatglas
- Spezialisierte TPS-Fertigungslinien nötig (noch wenige Hersteller)
- Empfindlich bei unsachgemäßem Handling und Transport
- Kantenbearbeitung kritisch — keine Standardkantung möglich
- Druckausgleich bei großen Höhenunterschieden empfohlen
- Schallschutz Rw leicht niedriger als Standard-3-fach
- Marktversorgung für 0,5-mm-Variante noch begrenzt (2026)
Normative Einordnung
Regelt Anforderungen und Prüfverfahren für TVG-Dünnglas. Relevant für Mittelscheiben mit 1–3 mm Dicke ohne vollständige ESG-Vorspannung.
Definiert Anforderungen an thermisch vorgespanntes Glas. Für Dünnglas-ESG ab 2 mm anwendbar; Hochkonvektionsöfen sind Voraussetzung für gleichmäßige Abkühlung.
Gilt auch für IGU mit Dünnglas-Mittelscheibe. Der Randverbund muss dieselben Langzeitanforderungen erfüllen wie bei Standardglas.
Dünnglas-IGU benötigt CE-Kennzeichnung nach dieser Norm. Hersteller müssen Leistungskonstanz durch Erstprüfung und werkseigene Produktionskontrolle nachweisen.
Indirekt relevant: Dünnglas-Technologie ist der technologische Vorläufer für den Einsatz in Vakuumisolierglas-Einheiten, die ebenfalls sehr dünne innere Scheiben erfordern.
Schreibt für Neubauten Mindest-Dämmstandards vor. Dünnglas-3-fach-ISO erfüllt die GEG-Anforderungen vollständig, sofern der Ug-Wert ≤ 0,7 W/(m²K) erreicht wird.